Interview

Was tun bei Fachkräftemangel?

Nachwuchs für Hightech-Berufe in der Photonik oder Mikroelektronik zu gewinnen ist nicht leicht. Im Berliner Aus- und Weiterbildungsnetzwerk Hochtechnologie (ANH Berlin) wird seit mehr als zehn Jahren an lokalen Lösungen dafür gearbeitet. Im Interview spricht Netzwerkmanagerin Uta Voigt über ihre Erfahrungen.

Frau Voigt, wie sieht es bei den Hightech-Firmen in Berlin und Brandenburg aus? Ist der Fachkräftemangel real?

Voigt: Im akademischen Bereich ist der Fachkräftemangel noch nicht ganz so akut, wie unsere Gespräche mit Firmen zeigen. Das belegt auch die Berlin-Brandenburger Statistik. Die Unternehmen können sich unter anderem über Doktoranden oder Masterstudierende Nachwuchs sichern, was wahrscheinlich auch mit der Attraktivität von Berlin zu tun hat. Anders sieht es im gewerblich-technischen Bereich aus, da haben die Unternehmen größere Schwierigkeiten, genügend Mitarbeiter*innen zu finden. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Tatsächlich beenden weniger Jugendliche die Schule als noch vor fünf oder zehn Jahren. Außerdem sind viele spannende Berufe im Hochtechnologiebereich nicht bekannt. Hinzu kommt ein gewisser Drang zur Akademisierung. Viele Eltern raten ihren Kindern, zu einem Studium, weil sie denken, dass die Perspektiven für Einkommen und Karriere günstiger seien.

Wie sehen denn die Chancen für jemanden mit Berufsausbildung aus?

Voigt: Zumindest bei Mikr­otechno­log*innen und Feinoptiker*innen hier im Cluster Optik und Photonik sind die Aussichten sehr gut. Die Übernahmequote ist hoch, denn die meisten Unternehmen und Institute bilden für den eigenen Bedarf aus.

Der Engpass ist also bei Fach­arbeiter­*innen? Wie lässt sich das Problem lösen?

Voigt: Das Beste ist immer, wenn Unternehmen ihren eigenen Nachwuchs ausbilden, der bestens in die Routinen und Abläufe eingearbeitet ist. Und dass auch Unternehmen in die duale Ausbildung einsteigen, die das bisher nicht getan haben. Daneben gibt es erste Versuche von Unternehmen gemeinsam mit der Agentur für Arbeit, Ungelernte oder Quereinsteiger für den Hightech-Bereich zu qualifizieren.

Sie sagten, dass die speziellen Berufe kaum bekannt sind. Was kann man tun? Was ist effektiv?

Voigt: Wir müssen unterschiedliche Ebenen adressieren: Unternehmen, Schulen und die Familien. Nach unserer Erfahrung trauen sich viele Jugendliche immer noch nicht an Berufe im MINT-Bereich heran. Leider viel zu oft können sich Eltern nicht vorstellen, dass ihre Töchter in einem naturwissenschaftlich-technischen Beruf glücklich werden. Sie halten es für eine Männerdomäne. Es gibt also noch immer Klischees und Vorbehalte. Deshalb informieren wir als ANH zu Berufsbildern und vermitteln praxisnahe Einblicke in den beruflichen Alltag.

Wir laden Schülerinnen und Schüler, aber auch Eltern, Lehrkräfte und Berufsberatende an den Standort nach Adlershof ein. Dort lassen wir sie hinter die Kulissen gucken. Am Ferdinand-Braun-Institut (FBH), wo das Büro unserer Koordinierungsstelle sitzt, haben wir durchschnittlich einmal pro Monat solche Veranstaltungen. Ein besonderes Format ist die Ausbildungs-Allianz-Adlershof. Hier öffnen Unternehmen und Institute am Standort ihre Türen für Berufserkundungstouren und beantworten vor Ort alle Fragen zu Arbeitsaufgaben und Berufsalltag.

Was sind typische Probleme für einen Mittelständler, wenn er überlegt, Nachwuchs auszubilden? Wie helfen Sie dabei?

Voigt: Viele kleinere Unternehmen im Cluster sind durch und durch akademisch geprägt und wissen teils gar nicht, wie duale Ausbildung genau funktioniert. ANH berät in allen Dingen rund um die Berufsausbildung, wie etwa Formalitäten beim Einstieg in die Ausbildung oder Probezeit, Zusammenarbeit mit Berufsschule und Partnerbetrieben.

Unternehmen, die sich dann entschieden haben, auszubilden, unterstützen wir bei der Wahl des passenden Ausbildungsberufs. Meist hilft ein Besuch mit Berufsschullehrkräften, um herauszufinden, ob das Unternehmen besser mit Schwerpunkt Mikrotechnologie, Elektronik oder Informatik ausbilden sollte. Weil gerade hochspezialisierte Firmen mitunter nicht den gesamten Rahmenlehrplan der Ausbildung abdecken können, vermitteln wir Kooperationen mit anderen Unternehmen und Bildungsdienstleistern für die fehlenden Inhalte.

Ganz wichtig ist aber auch, dass jemand im Unternehmen sich für die Ausbildung engagiert, wirklich ausbilden will und Ansprechpartner für die Azubis ist. Vor allem sollte die Belegschaft dahinterstehen, sonst wird es schwer.

Und wenn ein Betrieb ausbilden will?

Voigt: Dann gilt es, den passenden Bewerber oder die passende Bewerberin zu finden. Das hat sich in den letzten Jahren ziemlich verändert. Am Ferdinand-Braun-Institut bilden wir jährlich mindestens drei Mikrotechnolog*innen aus. Früher gab es deutlich mehr Bewerbungen und damit eine größere Auswahl. Umso wichtiger sind unsere Aktivitäten als Aus- und Weiterbildungsnetzwerk, um Nachwuchs und Fachkräfte im Cluster Optik und Photonik nachhaltig zu sichern. Unsere Kooperationspartner profitieren davon, dass wir als Netzwerk Ausbildungsstellen ausschreiben, Bewerbungen sichten und ausgewählte Personen weitervermitteln.

In Ihrem Netzwerk sind auch mehrere Forschungseinrichtungen. Was haben die mit der Ausbildung zu tun?

Voigt: Das ist Teil unserer Aufklärungsarbeit. Auch Forschungseinrichtungen oder Universitäten bilden in dualen Berufen aus. Auch diese Institutionen brauchen gewerblich-technisches und nicht nur akademisches Personal. Deswegen sind sie selbstverständlich Teil unseres Netzwerks.

Die Aufgaben von Facharbeiter*innen an Universitäten und forschungsnahen Unternehmen sind wahrscheinlich ausgesprochen vielfältig.

Voigt: Ja, wenn ich an die Auszubildenden der Mikrotechnologie am FBH denke, ist das so. Das Institut deckt alle Prozessschritte ab – von der Epitaxie über die Prozesstechnologie bis hin zur Aufbau- und Verbindungstechnik. Die Azubis durchlaufen all diese Stationen inklusive der institutseigenen Feinwerkstatt.

Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit in Zukunft?

Voigt: Wir wollen unsere Arbeit verstetigen, um bei der Fachkräftesicherung im Cluster tatsächlich nachhaltig etwas bewegen zu können. Als regionaler Ansprechpartner wollen wir aber auch bundesweit berufliche Bildung in der Mikro- und Nanotechnologie qualitativ verbessern und Akteure noch besser vernetzen. Unser Netzwerk wird seit mehr als zehn Jahren über Projektgelder finanziert. Damit leisten wir wertvolle Arbeit an der Schnittstelle zwischen Schule und Beruf und bündeln die Kräfte bei der Nachwuchsgewinnung. Wir verfügen dadurch über umfassende Erfahrungen und sind gut mit allen relevanten Akteuren vernetzt. Weder Schule noch Wirtschaft können das leisten. Diesen Erfahrungsschatz von ANH sollten wir langfristig sichern. Das geht meiner Meinung nach nicht ohne gesicherte Förderung durch die Zuwendungsgeber. Parallel haben wir den Verein proANH gegründet, in dem aktuell 22 Unternehmen und Institute das Thema Nachwuchsgewinnung gemeinsam angehen und unter anderem von der gemeinsamen Rekrutierung von Auszubildenden profitieren.

Danke für das Gespräch.

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