Interview

Vom Leseglas zum Präzisions-Laserobjektiv

125 Jahre Sill Optics – photonik spricht mit Berndt Zingrebe über Erfolgsrezepte damals und heute sowie über eine optische Industrie im Wandel.

Herr Zingrebe, photonik gratuliert Sill Optics zum 125-jährigen Firmenjubi­läum. Wie werden Sie und Ihr Unternehmen diesen Jahrestag begehen?

Zingrebe: Vielen Dank für die Glückwünsche! Wir sind sehr stolz auf eine Firmengeschichte zurückblicken zu können, die fast so lang ist wie die der Traditionsunternehmen Zeiss und Schott. Ein Betrieb, der Ende des 19. Jahrhunderts als Glasschleiferei für Lupen und Lesegläser begonnen hatte, ist heute ein international tätiger Zulieferer unter anderem für die Bildverarbeitung und den Lasermaschinenbau. Ja, wir werden unser Jubiläum feiern – Ende Juni mit einer Standparty auf der Laser-Messe – und anschließend ein Sommerfest mit Kunden, zu dem wir auch Gäste aus Asien und Amerika erwarten.

Seit 25 Jahren führen Sie das Unternehmen – wir gratulieren auch zu diesem Jubiläum. Sie haben die Firma J.E. Sill 1994 gekauft, im 100. Jahr ihres Bestehens und fünf Jahre, nachdem sie von Melles Griot übernommen worden war. Wie kamen Sie damals zu dieser Entscheidung?

Zingrebe: Zwei Jahre nach der Übernahme durch Melles Griot hatte ich J.E. Sill verlassen, weil die neuen Eigentümer meiner Meinung nach kein ausreichendes Interesse zeigten, die nötigen technologischen Innovationen voranzubringen. Das rächte sich bald, der wirtschaftliche Erfolg blieb aus, und die Firmenleitung bemühte sich dann, mich als Wissensträger ins Unternehmen zurückzuholen. Für mich persönlich spielte es eine Rolle, dass ich nach ausgedehnten früheren Auslandsaufenthalten – unter anderem in Taiwan – eine Möglichkeit suchte, hier in Deutschland meine Produktionserfahrung einzubringen. Somit habe ich eingewilligt und nach langwierigen Verhandlungen ein Management-Buy-in erreicht.

Welche Ziele haben Sie zu Anfang verfolgt und wie war damals Ihre Vision?

Zingrebe: Mein Anliegen war es, dieses Unternehmen, das weder technologisch noch wirtschaftlich in einem guten Zustand war, wieder in die Erfolgsspur zu bringen. Als Basis nutzte ich dafür unsere Kundenbeziehungen aus den Gebieten der Profilprojektion und beispielsweise der Optikkomponenten für Laseranwendungen. Da wir keine eigene Produktentwicklung hatten, haben sich technische Neuerungen ausschließlich im Zusammenhang mit Kundenprojekten ergeben. Tatsächlich ist es mir schon nach sieben Monaten gelungen, die Firma aus der Verlustzone zu führen. Ehrlich gesagt, habe ich damals keine fantastischen Träume verfolgt. Für mich war es ganz einfach wichtig, mit unseren Kunden eng und langfristig zusammenzuarbeiten.

Welche Ihrer Erwartungen von damals haben sich bestätigt, was kam anders?

Zingrebe: Nun ja, der Erfolg kam schneller als erwartet – in Form einer kontinuierlichen positiven Geschäftsentwicklung und weiterer Aufträge. Ich hatte zu Beginn zehn Geschäftsfelder ausgewählt, in die ich diejenigen Produkte einteilte, die ich für erfolgsträchtig hielt. Bis auf eines haben wir auf allen zehn Feldern unsere Ziele erreicht. Und nach wie vor sind vertrauensvolle Beziehungen zu unseren Kunden eine wichtige Säule des Erfolgs.

Welche Ereignisse und Entwicklungen der letzten 25 Jahre würden Sie als Meilensteine für Sill Optics bezeichnen?

Zingrebe: Aus technologischer Sicht möchte ich vor allem den Aufbau der ­Asphärenfertigung nennen und die telezentrischen Objektive für die Messtechnik. Diese beiden haben Sill vor allem vorangebracht; darüber hinaus die Produktion kleiner Linsen. Sie war für uns nicht selbstverständlich, weil die Fertigung weiterer Linsendurchmesser zwangsläufig die Anschaffung neuer Maschinen für alle Arbeitsgänge erfordert – Vorschleif-, Feinschleif-, Polier- und Zentriermaschinen, also eine für uns bedeutende Investition. Dank dieser Entscheidung sind wir aber heute in der Lage, Linsen mit Durchmessern zwischen 4 und 400 mm herzustellen. Meilensteine waren auch der Aufbau einer Beschichtungsabteilung und einer eigenen Entwicklung sowie eine Produktionserweiterung 2008 inklusive Reinraummontage.

Im Vergleich zu 1994 ist Sill Optics enorm gewachsen. Auch die Produkte haben sich verändert und sind vor allem komplexer geworden. Wie würden Sie die Markt- und Wettbewerbssituation Ihres Unternehmens damals und heute charakterisieren?

Zingrebe: 1994 waren wir 45 Leute bei Sill, heute sind wir 245. Wie ich schon sagte, hatten wir uns zunächst auf unsere Kunden aus der Profilprojektion konzentriert. Wir haben Produkte im Haus, die heute älter als 40 Jahre sind; die waren damals ein entscheidender Sicherheitsfaktor für uns. Heute verstehen wir uns als Zulieferer für den Maschinenbau und machen mehr als 40 % unseres Umsatzes mit Optiken für die Lasertechnik. Damit hat sich unsere Marktsituation grundlegend verändert. Heute geht wieder ein Drittel unserer Produkte direkt in den Export – während der Melles-Griot-Zeit war das traditionell starke Exportgeschäft von J.E. Sill vollständig zum Erliegen gekommen. Wir stellen auf den wichtigen internationalen Messen aus und haben diverse Vertretungen in den USA, Korea, Singapur und China aufgebaut. Von 1994 an war es unsere klare Prämisse, nur in die neuesten Technologien zu investieren – und das ist so geblieben. Wir investieren etwa 10 % des Umsatzes, und das ist nötig, um nicht den Marktanschluss zu verlieren.

Aus fertigungstechnischer Sicht ist die Herstellung asphärischer Optiken, die den Öffnungsfehler – die sphärische Aberration – korrigieren, anspruchsvoll. Seit 2004 produzieren Sie Asphären; wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Zingrebe: Bei allen neuen Technologien haben wir in kleinen Schritten begonnen, so auch hier. Ohne von Anfang an einen Return-on-Invest zu erwarten. Wir mussten das Risiko eingehen, teure Maschinen anzuschaffen, wollten uns aber trotzdem bedächtig an die Technologie herantasten. Dazu gehörte auch, dass wir Wert darauf gelegt haben, alle neuen Optiken detailliert zu berechnen. Im Nachhinein hat sich unser Vorgehen als richtig erwiesen; wir arbeiten auch hier rentabel und erzielen heute etwa 20 % unseres Umsatzes mit ­Asphären. Die modernen vernetzten Maschinen und Messeinrichtungen in unserer Asphärenfertigung sind zu einem wichtigen technologischen Sprungbrett geworden.

Welches sind Ihrer Meinung nach die zurzeit größten Herausforderungen für mittelständische Unternehmen, speziell in der Optikindustrie?

Zingrebe: Wir sprachen schon über einige Besonderheiten der Optikfertigung, etwa darüber, dass man zur Linsenherstellung in verschiedenen Durchmessern geometriebedingt jeweils eigene Maschinen braucht. Das treibt die nötigen Investitionen nach oben. Nach wie vor problematisch sind die RoHS-Forderungen und die Tatsache, dass für optische Gläser noch immer keine Regelungen existieren, auf die sich bauen lässt. Die zurzeit geltende, zeitlich begrenzte Ausnahmeregelung erlaubt uns keine verlässliche Zukunftsplanung. Neue, richtlinienkonforme Gläser werden für uns weitere Kosten in Höhe von mehreren Millionen Euro bedeuten; wir müssen die Optiken neu berechnen, und die Materialien werden schwerer zu bearbeiten sein. Übrigens: Auch der Standort Wendelstein ist für uns eine Herausforderung.

Bitte erläutern Sie das.

Zingrebe: Die Zentren der deutschen optischen Industrie sind weit von hier entfernt. Folglich sind wir in vielerlei Hinsicht auf uns selbst gestellt, beispielsweise auch, wenn es darum geht, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Wir können nur expandieren, wenn wir die dafür nötigen Fachleute haben. Damit bekommt das Thema der Ausbildung einen besonderen Stellenwert. Weil wir der einzige größere Betrieb mit optischer Fertigung großer Bandbreite in unserer Region sind, mussten wir schon immer Feinoptiker und Feinoptikerinnen selbst ausbilden. Wir haben zu diesem Zweck eigens eine Lehrwerkstatt eingerichtet und wir beschäftigen eine Ausbilderin, die die jungen Leute bei uns betreut. Eine besondere Rolle dabei spielt die Qualifikation für unsere CNC-Maschinen; mittlerweile haben wir unsere Ausbildung speziell darauf abgestimmt. Und auch das Thema Digitalisierung werden wir nach und nach in die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter einbringen.

Sie investieren beständig sowohl in die Produktion als auch in die Produktentwicklung. Welchen Stellenwert hat das Thema Forschung für Sie?

Zingrebe: Für uns als KMU ist es natürlich überlebenswichtig, technologisch am Ball zu bleiben. Deshalb haben wir acht Ingenieure in unserer Entwicklungsabteilung, zu deren Aufgabe es auch zählt, die Relevanz aufkommender Technologien für unser Unternehmen zu bewerten. Wir sind an verschiedenen Forschungsprojekten – allerdings nicht federführend – beteiligt. Unsere Aufgabe ist es dabei im Wesentlichen, den Produktionsprozess des betreffenden Maschinenherstellers unterstützend zu begleiten. Ich muss aber gestehen, dass wir uns davon keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen erhoffen – der zeitliche und personelle Aufwand in diesen Projekten ist für uns unverhältnismäßig hoch. Viel leichter fällt es uns, aus der Arbeit mit unseren Kunden verwertbare Erkenntnisse zu gewinnen, die dann zu Neuentwicklungen führen können.

Schlüssel zum Erfolg waren in der Vergangenheit die Spezialisierung auf Systemprodukte und der Erhalt einer besonderen Fertigungstiefe im Unternehmen. Was muss für die Zukunft noch hinzukommen?

Zingrebe: Es sind ja vor allem Laseranwendungen, die uns technologisch vorantreiben. Kleinere Wellenlängen, im UV-Bereich des Lichtspek­trums, und die dementsprechenden Beschichtungen sind für uns ein Zukunftsthema. Ein anderes ist eine noch höhere Präzision unserer Objektive, die wiederum eine noch genauere Messtechnik in unserer Fertigung verlangt. Aber auch hier werden alle Engineering-Aktivitäten immer kundenbezogen sein, weil wir nicht am Markt vorbei entwickeln wollen. Immer wird es um eine konkrete Entwicklung für einen unseren Kunden gehen.

Danke für das Gespräch.

von ml

photonik besucht Sill Optics in Wendelstein
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