Forschung & Entwicklung

Virtuelle Linse verbessert Röntgenmikroskopie

Eine neue Methode ermöglicht eine höhere Auflösung von Röntgenbildern und erlaubt präzisere Rückschlüsse auf Materialeigenschaften. Dazu wurde eine optische Linse bewegt und etliche Einzelbilder aufgenommen, aus denen sich mithilfe von Computeralgorithmen die eigentliche Aufnahme errechnen ließ.

Mit Röntgenmikroskopen blicken Forscher am PSI in Computerchips, Katalysatoren, Knochenstückchen oder Hirngewebe. Die kurze Wellenlänge des Röntgenlichts macht Strukturen im Nanometerbereich sichtbar. Wie bei einem normalen Mikroskop trifft das Licht auf die Probe und wird von ihr abgelenkt. Eine Linse sammelt dieses gestreute Licht und erzeugt ein vergrößertes Bild auf der Kamera. Allerdings streuen winzige Strukturen das Licht in sehr großen Winkeln. Will man sie im Bild auflösen, braucht es entsprechend eine große Linse. „Doch es ist äußerst schwierig, solch große Linsen herzustellen“, sagt Klaus Wakonig, Physiker am PSI: „Im sichtbaren Bereich gibt es Linsen, die sehr große Streuwinkel einfangen können. Im Röntgenbereich hingegen ist dies aufgrund der schwachen Wechselwirkung mit dem Material der Linse komplizierter. Infolgedessen können meist nur sehr kleine Winkel eingefangen werden oder die Linsen sind sehr ineffizient.“

Die neue, von Wakonig und seinen Kollegen entwickelte Methode umgeht dieses Problem. Das Ergebnis sei so, als ob mit einer großen Linse gemessen wird. Das PSI-Team verwendet eine kleine, aber effiziente Linse, wie sie üblicherweise in der Röntgenmikroskopie eingesetzt wird, und verschiebt diese über einen Bereich, den eine ideale Linse abdecken würde. Somit entsteht virtuell eine große Linse. „In der Praxis gehen wir mit der Linse zu verschiedenen Punkten und nehmen dort jeweils ein Bild auf. Dann verwenden wir Computeralgorithmen, um alle Bilder zu verbinden und so eine hochaufgelöste Aufnahme zu erzeugen“, erklärt Wakonig.

Normalerweise vermeidet man, Linsen in Instrumenten von der optischen Achse weg zu bewegen, da dies die Abbildung verfälschen kann. Doch da die Forscher die genaue Position der Linse kennen und viele nah beieinander liegende Punkte beleuchten, können sie rekonstruieren, wie das Licht gestreut wurde und wie die Probe ausgesehen hat. Das Verfahren heißt Fourier-Ptychografie und wird seit 2013 für die Mikroskopie im sichtbaren Bereich verwendet. In ihren Experimenten am PSI konnten die Forscher nun erstmals dieses Prinzip auf die Röntgenmikroskopie übertragen.

Die neue Methode liefert nicht nur eine bessere Auflösung, sondern auch zwei sich ergänzende Bildinformationen. Einerseits wird wie bei einer Handy-Kamera gemessen, wie viel Licht vom abzubildenden Objekt absorbiert wird. Andererseits wird auch erfasst, wie das Licht abgelenkt wird. Die Fachleute sprechen von Absorptions- und Phasenkontrast. „Unsere Methode liefert den Phasenkontrast, der sonst nur schwer zu erhalten ist, praktisch gratis mit“, sagt Ana Diaz, Strahllinienwissenschaftlerin am PSI: Dadurch sei die Qualität der Bilder viel besser. Der Phasenkontrast ermöglicht es sogar, Rückschlüsse auf die Materialeigenschaften der untersuchten Probe zu ziehen, was mit normaler Bildgebung in der Regel nicht gelingt.

In ihren Experimenten war die untersuchte Probe der Forscher ein Detektorchip. In Zukunft könnte die neue Methode zum Beispiel aufzeigen, wie ein Katalysator bei hohen Temperaturen arbeitet, wenn man ein Gas hinzufügt, oder wann und wie ein Metall unter Druck bricht. Aber auch Gewebe und Zellverbände könnten damit besser untersucht werden. Davon erhoffen sich die Forscher neue Erkenntnisse über die Entstehung von Krankheiten wie Alzheimer oder Hepatitis. Biologische Proben haben normalerweise keinen guten Absorptionskontrast. Hier sorgt der Phasenkontrast für eine wesentliche Steigerung der Bildqualität. Zudem vermuten die Forscher, dass die Fourier-Ptychografie schonender ist als bisherige Verfahren. Ein Vergleich mit der normalen Röntgenmikroskopie deutet darauf hin, dass die neue Methode eine geringere Strahlendosis erfordert, weil sie effizienter ist. Dies könnte für Untersuchungen von biologischen Proben besonders interessant sein.

Aufgebaut hat das Forscherteam seine Demonstrationsanlage an der Strahllinie cSAXS der Synchrotron Lichtquelle Schweiz SLS. Die Experimente sind zurzeit noch recht aufwendig und brauchen viel Zeit. Damit das neue Verfahren funktioniert, müssen die verwendeten Röntgenstrahlen kohärent sein. Solche Experimente erfordern derzeit Großforschungsanlagen wie die SLS. Wakonig untersucht aber auch, ob sich das Verfahren mit weniger Kohärenz realisieren lässt. Könnte man Proben auf diese Weise mit einer üblichen Laborquelle für Röntgenstrahlung untersuchen, würden sich viele weitere Anwendungsbereiche erschließen.

von mn

Originalveröffentlichung:

[K. Wakonig, A. Diaz, A. Bonnin, M. Stampanoni, A. Bergamaschi, J. Ihli, M. Guizar-Sicairos, A. Menzel, X-ray Fourier ptychography, Sci. Adv. 5 (2019), DOI: 10.1126/sciadv.aav0282]

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