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Neue Technologien, alte Aufgaben: Hürden des Markteintritts

Auf dem SPECTARIS-Forum „Photonik 4.0 – Optische Gesundheitstechnologien“ waren sich die Experten einig: An Kreativität für neue Technologien fehlt es nicht. Es sind andere Hürden, die den Markteintritt erschweren.

Anfang November 2017 haben sich Experten aus Industrie, Wissenschaft und Politik in Berlin getroffen, um die Potenziale und Herausforderungen der optischen Technologien im Gesundheitswesen zu diskutieren. Die Veranstaltung stand unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi). Der Fokus der Fachvorträge aus Industrie und Wissenschaft lag auf den Themenfeldern bildgebende Verfahren, der Point-of-Care-Diagnostik sowie der Telemedizin. Den Tag rundete eine von Peter Strunk (WISTA Management GmbH) geleitete Podiumsdiskussion ab, bei der die zuvor vortragenden Referenten Jürgen Popp vom Leibniz-Institut für Photonische Technologien e.V. (IPHT), Eugen Ermantraut von der BLINK AG, Christian Elsner von der Universitätsklinik Lübeck und Klaus Irion von Karl Storz in Tuttlingen Rede und Antwort standen. Die Experten verdeutlichten, dass zwar die optischen Technologien einen wertvollen Teil zur Weiterentwicklung der Medizintechnik leisten. Doch sind bis zum Markteintritt oft große Hürden zu überwinden. Häufig stehen bürokratische Zulassungsverfahren und die risikoaverse Förderkultur hierzulande im Weg.

Der schwierige Weg der Produktzulassung

Strunk eröffnete die Diskussion mit der These, dass die Digitalisierung mit einem großen Risiko der Bürokratisierung verbunden sei. Am Beispiel der neuen Medical-Device Regulation verdeutlichte Irion ebenfalls den zunehmenden Verwaltungsaufwand, obwohl die Digitalisierung eigentlich für Beschleunigung und Vereinfachung stehen sollte. Das stelle die Unternehmen vor neue Herausforderungen, sodass die Zulassung von neuen Produkten mit einem deutlichen Mehraufwand verbunden sei. Strunk verwies dabei auf Popp, der in Jena ein Technologiezentrum plant, das helfen soll, Produkte schneller auf den Markt zu bringen. Dieses Zentrum berät Jungunternehmer beim Kennenlernen der regulatorischen Abläufe, um so die Zulassung zu beschleunigen.

Ermantraut begrüßte den Ansatz, die unternehmerische mit der forschenden Seite stärker zusammenzubringen. Das Besondere am Jenaer Technologiezentrum sei die neu geschaffene Infrastruktur, die von Unternehmern zu transparenten Bedingungen genutzt werden kann. So wird das Problem des nur schwer zu durchdringenden Zulassungssystems adressiert. In Summe kann nur aber eine intensive Zusammenarbeit von Politik, Wissenschaft und Industrie die bürokratischen Hemmnisse vollständig abbauen und zum Erfolg führen, war sich der Kreis einig.

Wandel der Unternehmenskultur

Bereits in seinem Vortrag zuvor hatte Elsner darauf hingewiesen, dass es oft gar nicht um die Entwicklung der Technologie allein gehe, sondern es gelte “Culture eats strategy for breakfast“ (nach einem Zitat von Peter Drucker). Die Unternehmen müssten viel stärker ihre bestehende Unternehmenskultur dahingehend hinterfragen, ob sie ausreichend die Kreativität fördern. Insgesamt müssten sie experimentierfreudiger werden, um sich in die Start-up-Kultur integrieren zu können. Der von Elsner zuvor vorgestellte Lübecker „Hackathon“ - eine kollaborative Software- und Hardwareentwicklungsveranstaltung, bei der Entwickler und Unternehmen durch extrinsische Anreize wie Medienpräsenz oder Preisgeld zusammenfinden – sei eine Variante, Unternehmen aus ihrer üblichen Arbeitsweise herauszuholen.

Für Strunk zeigt sich der derzeitige Wandel in der Unternehmenskultur auch darin, dass große Firmen Start-ups ausgründen, um die Technologie- und Gründerzentren nutzen zu können. Dies sei auch notwendig, bekräftigte Ermantraut. Aus dem „üblichen Unternehmenstrott“ komme man nur heraus, indem man sich mit einer Kultur umgibt, die man sich für sich selbst wünscht. In der Forschung gebe es wiederum auch den umgekehrten Fall, erklärte Popp. Institute schafften den Markteintritt für innovative Produkte und Verfahren oft nicht, da die regulatorischen Fragestellungen aufgrund von mangelndem Wissen ausgeklammert würden. Daher plant das IPHT, Stellen gezielt mit Kandidaten aus der Industrie zu besetzen, um diese Wissenslücke zu füllen. Eine weitere Herausforderung für die Umsetzung neuer Produktideen sei, dass die Risikokultur in Deutschland nicht vorhanden sei. An Kreativität fehlt es dabei laut Irion nicht. Dies würde sich schlagartig ändern, entgegnete Ermantraut, wenn es den „Neuen Markt“ wieder gebe. Die finanziellen Mittel seien eigentlich da – nur in anderen Kanälen. Elsner ermutigte ebenfalls, dass sich die Situation wandeln würde. Bei dem Lübecker Hackathon wurde auch von deutscher Seite investiert.

Markttrends richtig deuten

Nach der Etablierung im Markt bleibt für jedes Unternehmen die Herausforderung, seine Position zu halten. Irion hob hervor, dass es darauf ankomme, die Trends richtig zu deuten. Die aufwändige Chirurgie durch die Endoskopie abzulösen, sei der richtige Weg im Geschäftsfeld von Karl Storz gewesen. Doch die Entwicklung der Medizintechnik sei bei weitem nicht so marktverändernd wie die Digitalisierung der Computertechnik. Diese Dynamik müsse nun genutzt werden. Es fehle jedoch noch eine einheitliche Richtlinie im Datenschutz. Ohne diese würde die Digitalisierung im medizinischen Umfeld schwerlich in Fahrt kommen.

Abschließend unterstrich Strunk, wie wichtig es sei, sich beide Seiten zu verdeutlichen: Wie halten etablierte Unternehmen ihre Positionen am Markt und warum steigen Start-ups mit neuen Ideen in den Markt ein? Zukunftstrends müssten strategisch analysiert werden, um die richtigen Ziele zu verfolgen und an den sich wandelnden Markt bestehen zu können.

von mn

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