Interview

Ideenvielfalt und breite Technologieplattform

Der Firmenname ist Programm und schon der Unternehmensgründer war ein Macher mit Ideen, die er zielgerichtet umsetzte. Geschäftsfelder haben sich erweitert, die Unternehmensphilosophie ist geblieben.

Herr Dr. Gnass, im kommenden Jahr wird Polytec 50 Jahre alt. Wie sehen Sie die Entwicklung vom Distributor zum Unternehmen mit eigener Entwicklung und Produktion?

Dr. D. Gnass: Der Gründer Herr Lossau hat die Firma als Distributionsgeschäft gegründet und dann sehr schnell erkannt, dass es viel mehr Marktgelegenheiten gab, die man bedienen kann. Er hat zudem Ideen entwickelt, die mehr Wertschöpfung genieren. So wurden beispielsweise eigene Spektrometer entwickelt. Und nach einigen Jahren hat sich dann die Vibrometrie herauskristallisiert als das Element, welches das Unternehmen zum Weltmarktführer dafür gemacht hat. Das lag auch an der Persönlichkeit von Herrn Lossau: Er war ein Macher. Wenn ein Macher ein Bedarf im Markt sieht, dann macht er auch und holt sich technisches Personal, mit dem er seine Ideen umsetzen kann. Das Tagesgeschäft lief gut und damit war auch der finanzielle Rahmen für Investitionen gegeben. So konnte er seine Ideen umsetzen und erweitern.

Polytec bietet auch Serviceleistungen, Auftragsmessungen, Reparaturen und Kalibrierungen an. Wie wird dies von den Kunden angenommen, ist es ein wachsendes Geschäftsfeld?

Dr. D. Gnass: Es ist ein signifikanter Anteil an unserem Umsatz. Dieses Angebot wird gern angenommen, auch von Großkunden und multinationalen Konzernen. Wir können das Knowhow vorhalten, was viele nicht haben. Andere haben das Knowhow, lassen aber von uns Engpässe bei Bedarfsspitzen abfangen. Andere Kunden wollen erst einmal die Ergebnisse testen und entscheiden sich dann für unsere Geräte. Es ist ein ganzes Potpourri an Anforderungen, das wir bedienen können.

Messdienstleistungen anzubieten ist also nicht kontraproduktiv zum Angebot hochentwickelter Messtechnik?

Dr. D. Gnass: Nein, es ergänzt sich wunderbar. Es beflügelt und ist ein ständiger Innovationsfluss, weil wir mit der Bewältigung von Messaufgaben auch Möglichkeiten sehen, die wir auf der Geräteseite nachentwickeln. Es ist ein wichtiger Input von Ideen.

Nun haben Sie Kunden in vielen Märkten wie Automobilbau, Luft- und Raumfahrt, Maschinenbau, und Data-Storage. Wo sehen Sie das größte Entwicklungspotenzial und welches sind Bereiche, die eher rückläufig erwartet werden?

Dr. D. Gnass: Das meiste Potenzial sehen wir noch immer im generellen Maschinenbau. Unsere Technologie ist noch sehr stark erklärungsbedürftig und vielen Ingenieuren ist noch immer nicht bewusst, was man mit unseren Geräten machen kann. Wir sehen auch eine große Tendenz in Richtung Elektromobilität. Bisher bekannte Motogeräusche fallen weg und andere, schwächere Geräusche werden merkbar wahrgenommen. So gibt es wachsendes Interesse und einen gewissen Druck zur Charakterisierung akustischen Verhaltens von vibrierenden Systemen.
Es gibt auch Anwendungsanforderungen, die überraschend kommen und sich für eine einzelne Anwendungen plötzlich ein ganz großer Markt auftut. So entstehen Messanforderungen in der Qualitätssicherung zum Beispiel für Ventile und Kugellager. Im Leichtbau werden zudem auch neue Materialien mit ganz anderen Eigenschaften verwendet, die andere Messverfahren für veränderte Materialprüfungen erfordern. Einsatz findet unsere Messtechnik auch in der Mikrosystemtechnik zur MEMS-Charakterisierung. Dort wollen wir unseren Marktanteil noch erweitern.

Sie bedienen mit Ihren Systemen und Serviceleistungen einen breiten Markt. Ist dies wirklich zielführend und gewinnbringend oder wäre es nicht besser sich auf bestimmte Kernbereiche und -kompetenzen zu fokussieren?

Dr. D. Gnass: Diese Frage stellen wir uns natürlich auch regelmäßig. Wir haben aber schlichtweg auch viele Ideen und eine breite Technologiebasis für eine umfangreiche Technologieplattform. Wir schauen, wo die Wachstumsmärkte sind. Natürlich kann man da auch immer den Widerstreit zwischen einer Fragmentierung und einer Fokussierung sehen.

Sie arbeiten eng mit dem KIT in Karlsruhe und der Universität Stuttgart zusammen und unterstützen eine Professur. Was muss sich Ihrer Meinung nach noch im Bildungssystem ändern, damit Sie die Fachkräfte bekommen, die das Unternehmen braucht, um sich am Markt erfolgreich zu behaupten? Sollte die Fachkräfteausbildung eher eng gefasst sein oder sehr breit gefächert?

Dr. D. Gnass: Mein Wunsch wäre, dass wir in Deutschland viel mehr technisch sehr gut ausgebildete Vertriebsmitarbeiter haben. Wir finden gut ausgebildete Physiker und Techniker. Für einen guten technischen Vertrieb aus Deutschland heraus in den weltweiten Markt muss der Mitarbeiter nicht nur vermitteln, sondern auch erklären können. In Deutschland ist es ja so, dass man zur Uni geht und Physik oder Maschinenbau studiert, um dann eigentlich nicht im Vertrieb tätig zu sein. Wir brauchen aber auch richtig gute Vertriebsmitarbeiter. Ich würde mir wünschen, dass Physiker auch schon mal etwas von Vertrieb und Marketing gehört haben. Es gibt bereits Vorlesungen über Innovationsmanagement. Aber auch Physiker, Chemiker und Maschinenbauer sollten zumindest Grundlagen zu Marketing, Vertriebstätigkeit und Export vermittelt bekommen. Dafür muss es entsprechende Angebote geben, die dann auch von den Naturwissenschaftlern wahrgenommen werden, ohne dass gleich ein ganzes Semester Wirtschaftsstudium belegt werden muss. Das wäre gute für das Exportland Deutschland und natürlich auch für unser Unternehmen.

Sie sind seit 2014 Geschäftsführer bei Polytec. Davor waren Sie bei Leica Microsystems tätig und hatten eine intensive Zeit beim Max-Planck-Institut in Göttingen und auch bei IBM in New York. Was hat Sie bei der Fülle von Tätigkeitsbereichen am meisten begeistert? Welches sind für Sie aktuell spannende Themen?

Dr. D. Gnass: Es war alles unterschiedlich geartet und auf verschiedene Weise interessant, ob die wissenschaftliche Arbeit oder Dozententätigkeit, bis hin zu Verantwortlichkeit in den Wirtschaftsunternehmen. Aber mein derzeitiger Job macht mir am meisten Spaß. Hier kann ich umfassend gestalten. Die Eigentümer haben mir das Vertrauen gegeben und tragen meine Entscheidungen mit.

Wo sehen Sie Polytec in den nächsten fünf Jahren?

Dr. D. Gnass: Es gibt die wachsende Vernetzung und Mobilität auf der einen Seite und wir sehen hier Potenzial für die Validierung durch unsere Messtechnik auf der anderen Seite. Aufgrund der steigenden Anforderungen in vielen Anwendungsbereichen und neuer Gebiete wie beispielsweise die Mikrosystemtechnik werden wir unsere Messtechnik auch weiterentwickeln.
Die optische Messtechnik wird insgesamt einen größeren Stellenwert bekommen, da man bei vielen Anwendungsfällen mit optischen Verfahren zum Teil schneller und parallel messen kann.
Ich erhoffe mir zudem, dass die technologische Entwicklung so preisgünstig werden kann, dass sich damit Massenmärkte erschließen lassen. Im Moment sind wir eher dazu gezwungen, hochpreisige Geräte anzubieten. Wenn wir eine Vielzahl Applikationen finden können und größere Volumina umgesetzt werden, könnte die Technik auch günstiger werden.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Sylvia Kaschke, Redaktion PHOTONIK

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